Die abgehängte Pädagogik

Das Verhältnis der Bildungspolitik zur Pädagogik war immer schon kompliziert. Der gängigen Erzählung nach war es immer die Pädagogik, die der Bildungspolitik voraus eilte und von dieser in ihrer Dynamik aufgehalten wurde. Dafür gibt es tatsächlich einleuchtende Beispiele: So wurde die Grundschullehrerin Sabine Czerny strafversetzt, weil sie mit innovativen Methoden arbeitete und ihre Klasse den Nachbarklassen deshalb überlegen war. So entwickelten die Lehrkräfte des Firstwald-Gymnasiums das "Abitur im eigenen Takt" und werden von der Bildungspolitik bis heute daran gehindert, dieses überzeugende Modell an ihrer Schule umzusetzen. Häufig verhält es sich aber genau umgekehrt: Die Bildungspolitik eilt voran - und die Pädagogik kann damit nicht Schritt halten. So wird den Schulen inzwischen ein hohes Maß an Heterogenität zugemutet: Es werden altersgemischte Klassen gebildet, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden in Regelklassen unterrichtet und die vielen Flüchtlingskinder müssen ebenfalls integriert werden. Die heterogene Zusammensetzung von Lerngruppen ist in unseren Klassenzimmern inzwischen zum Regelfall geworden. Damit hat die Bildungspolitik Fakten geschaffen - ohne dass die Pädagogik diesen Rechnung tragen könnte. Hier herrscht immer noch das Lernen im Gleichschritt vor, fehlt es an individuellen Förderkonzepten und differenzierten Lernangeboten. Die Pädagogik fühlt sich nicht zu Unrecht überfordert - und abgehängt. Deshalb wäre es an der Zeit, den pädagogischen Spielraum der Schulen auszuweiten: durch eine Abkehr vom Prinzip der Lernzielgleichheit, durch ein Lernen im eigenen Takt und durch eine andere Bewertungskultur. Erst durch solche Spielräume würde es den Lehrkräften ermöglicht, den vielen Herausforderungen gerecht zu werden, die ihnen von der Bildungspolitik zugemutet werden.

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Jonas Lanig
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