Sand im Getriebe

Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber hat die Menschheit nicht nur den nach ihm benannten Garten zu verdanken. Der Leipziger Arzt kümmerte sich auch um die Konstitution der Kinder und Jugendlichen und entwickelte dafür eine eigene Wissenschaft: die Kallipädie. Damit sich die jungen Leute gerade hielten und aufrecht saßen, entwickelte Dr. Schreber manches technische Gerät, mit dem sich die eine oder andere Unart abstellen ließ. Der korrekten Rückenlage beim Schlafen half er mit dem Schulterriemen nach. Für den aufrechten Gang empfahl er das "Gehen mit durchgestecktem Stabe". Das nach vorne gebeugte Sitzen korrigierte er mit Hilfe des Schreberschen Geradhalters. Und mit dem Kinnband wusste er zu verhindern, dass die gelangweilten Schüler den Kopf senkten. Dadurch wurde Schreber zum Vorkämpfer der Apparatepädagogik, dem alles darauf ankam, "dass der Trotz gebrochen werde - nötigenfalls durch fühlbare Züchtigung. 150 Jahre später erfährt die von Dr. Schreber perfektionierte Apparatepädagogik eine fragwürdige Wiedergeburt. An Schulen in Hamburg und Bayern sollen Schüler mit ADHS dazu gebracht werden, mit Sand beschwerte Westen zu tragen und dadurch zur Ruhe zu kommen. Das Kalkül: Die Westen sind so schwer, dass jede Bewegung darin schmerzt. So soll aus jedem Zappelphilipp ein ruhiges und angepasstes Kind werden. Und das wie bei Dr. Schreber durch fühlbare Züchtigung. Damit wird der Sand zu einem Schmiermittel, mit dessen Hilfe auch schwierige Kinder perfekt funktionieren und den geordneten Ablauf des Unterrichts nicht länger stören. Dr. Schreber wollte nicht wahrhaben, dass solche Disziplinierungsmaschinen die Würde und die Bewegungsfreiheit der Kinder beschädigten. Dass es ihm heute moderne Pädagogen und Bildungspolitiker gleichtun, ist ein ungeheuerlicher Skandal - und ein Beleg dafür, dass die Pädagogik seit 150 Jahren auf der Stelle tritt.  

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Jonas Lanig
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